Vielseitig, aufwühlend, heilsam und wichtig: Das kurze Leben der Anne Frank

Mit freundlicher Genehmigung der Autorin Annette Hensel:

Erlebnisse, Gedanken, Freuden, Ängste – all das hält Anne Frank in ihrem Tagebuch fest. Millionen von Menschen haben die Einträge des deutsch-jüdischen Mädchens aus den Jahren 1942 bis 1944 aus ihrem Versteck in einem Amsterdamer Hinterhaus gelesen. Marita und Reinhard Gramms Brass-Oratorium „Anne!“ unter Leitung von Knut Petscheleit lässt ihr kurzes Leben mit allen Sinnen miterleben.

Zur Ouvertüre der Bläser und „Schlagwerker“ des b-Teams Itzehoe ziehen Karoline Müller und Christine Mühler im Kerzenschein ein; sie geben Anne Frank und dem Zeitgeschehen Stimme. Plötzlich wird die vollbesetzte Marienkirche in rotes Licht getaucht, zum Trommelschlag marschieren Vokalkreis Hameln und Projektchöre aus Itzehoe, Cuxland und Rodenberg ein. Wie die Hoffnung in Moll klingen Passagen ihrer „Lebenslust“, in deren Anschluss Anne aus ihrem Tagebuch vorträgt, was alles „voor Joden verboden“ ist, Fahrrad fahren etwa. Mit der „Ankündigung des Schreckens“ unterlegen die Musiker die Bedrohung – hautnah. „Es beklemmt mich doch mehr, als ich sagen kann, dass wir niemals hinaus dürfen, und ich habe große Angst, dass wir entdeckt und dann erschossen werden“, so Anne im Herbst 1942. „Verstecken – nie daheim fühlen“, steht auf einem auf Leinwand projizierten Foto.

Während Mühler mit Schlagzeilen Kriegsjahre dokumentiert, zählt Anne Wünsche von Familienmitgliedern auf wie ein Bad (Schwester Margot) oder eine Tasse Kaffee (ihre Mutter). Sie selbst weiß nicht, wo sie anfangen soll mit ihren Wünschen, notiert dann aber: „Nach draußen, Luft und Lachen!“ „Anne sagt geradeheraus, wie sie sich fühlt – das finde ich beeindruckend“, erklärt ihre Stimme, Karoline Müller (17).

Erinnerten erste Lieder an Filmmusik, wird nach dem Choral „Ach, Gott, vom Himmel sieh darein“ und Annes Weihnachtsfreuden 1943 „Stille Nacht“ angestimmt – ein Lied, das sonst zur schönsten Zeit des Jahres gesungen wird. Paukenschläge, Moll-Zwischentöne in rotem Licht und die Abänderung der Liedzeile „Da uns schlägt die rettende Stund“ in „letzte Stund“ – das berührt, wühlt auf! Das Intro zum Choral „Gott hat das erste Wort“ rahmt das b-Team mit Fliegeralarm ein, dem sich der D-Day-Blues anschließt. Auf Befreiung hofft Anne noch beim letzten Tagebucheintrag; dann wird sie entdeckt, verhaftet, zu Zwangsarbeit verurteilt und mit ihrer Schwester ins KZ nach Bergen-Belsen gebracht, wo beide im Februar 1945 an Typhus und Hunger sterben.

An jeden der Versteckten, Familie, Freunde und Helfer erinnern die Mitwirkenden, bevor sie die „Klage eines Vaters“ vortragen: „Ich sehn‘ mich so…“ Als die Instrumente verklingen, entsteht eine Pause, die eine Spannung aufbaut, die kaum auszuhalten ist. Mit dem Choral „Verleih uns Frieden gnädiglich“, mit dem Sängerinnen und Sänger das Publikum tröstend umarmen, lösen sich bei vielen Gästen Tränen, die mit langanhaltendem Applaus einhergehen.

„Eine starke Friedensbotschaft“, meint eine Besucherin – „nach den Wahlergebnissen in Thüringen ist so eine Aufführung wichtiger denn je“, eine andere, während eine Akteurin sie als „heilsam“ bezeichnet.